„Warum der Krug nicht brechen soll…“

Zur Kontroverse mit dem Lügenmuseum

Unzählige Briefe aus Nah und Fern haben ihr Bedauern, ihr Unverständnis, ihre Empörung über die Kündigung des Mietvertrags durch die Stadtverwaltung Radebeul zum Ausdruck gebracht. Einer davon soll hier in Auszügen veröffentlicht werden, da er viele Fakten und Hintergrundinformationen liefert, die der Autor über einen größeren Zeitraum zusammengetragen hat.

Der Brief ist vollständig auf der Homepage des Lügenmuseums unter „Briefe an Oberbürgermeister“ veröffentlicht.

Sehr geehrter Herr Präsident des Sächsischen Städte- und Gemeindetages,
sehr geehrter Oberbürgermeister der Großen Kreisstadt Radebeul,
sehr geehrter Herr Wendsche,

Im Vorjahr wurden Sie 60, und die Sächsische Zeitung titelte: „Zum Geburtstag: Bert Wendsche – Der Sanierer, nicht nur der Finanzen“. Vor dem Hintergrund Ihrer angekündigten Räumungsklage gegen das im Kulturkonzept Radebeuls verankerte Lügenmuseum bekommt das einen merkwürdigen Beigeschmack.

Der Gasthof Serkowitz, den die Stadt 2008 erwarb, um ihn vor unerwünschtem Zugriff zu sichern, ist laut Gutachten heute nichts mehr wert. Alle bisherigen Verkaufsversuche sind gescheitert. „Im Interesse des langfristigen Erhalts des Gebäudes führt daher leider kein Weg an einer Kündigung des Mietverhältnisses vorbei. Der Krug geht solange zum Wasser, bis er bricht“ – so betonten Sie am 23.05.2024.

Die Kündigung ist Ihre ganz persönliche Entscheidung.

Der Stadtrat beschloss den Verkauf des Objekts in der vergangenen Legislatur jedoch ausdrücklich mit dem Primat, dem Lügenmuseum dabei eine Zukunft zu ermöglichen. Das wurde dann mit dem kurz vor der Kommunalwahl beschlossenen Kulturkonzept untermauert. Eine Abwägung zwischen Entsorgung oder Erhalt des Lügenmuseums in der Radebeuler Kulturlandschaft hat es bisher im Stadtrat nicht gegeben.

Auch wenn Sie seit 2022 schon zum vierten Mal oberster Verwaltungsbeamter sind, dürfen Sie nicht eigenmächtig handeln. Sie müssen die Beschlüsse des Stadtrats ernst nehmen – auch die der vorherigen Legislatur. Eigentlich sollte Ihnen das nicht schwerfallen, denn als Vorsitzender des Kulturausschusses haben auch Sie das Kulturkonzept mit beschlossen.

Ja, als Sanierer von Radebeul waren Sie enttäuscht vom Rückzug des potenziellen Gasthofkäufers, der Ihren Vorstellungen entsprochen hätte. Mit Ihrer Kündigung wurde klar: Ihre Priorität ist nicht der Erhalt des Lügenmuseums, sondern der Verkauf des Gasthofs ohne Mietbelastung. „Die Stadt ist sich relativ sicher, dass es hier auch angesichts der Lage in Radebeul in ganz Sachsen Käufer geben wird“ (12.06.2024).

Die AfD im Stadtrat hatte sich beim Verkaufsbeschluss (inkl. Erhalt des Lügenmuseums) 2023 enthalten, „sie hätten gerne dort wieder eine Gaststätte gesehen“. Ja, der Krug geht solange zum Wasser, bis er bricht. Aber er kann auch im Frust vorher zerschlagen werden. Das können Sie doch nicht ernsthaft wollen. Selbst Ihr enttäuschter Käufer würde die Räumung des Lügenmuseums bedauern.

Darum müssen Missverständnisse geklärt werden:
„Das Lügenmuseum als mittlerweile kulturelle Institution“ in der Trägerschaft des gemeinnützigen „Kunst der Lüge e.V.“ wird irrtümlicherweise im Kulturkonzept als private Einrichtung eingeordnet.

Reinhard Zabka, der „Kopf der Bewusstseinserweiterungsmaschine Lügenmuseum“: „Er wird immer als Einzelkünstler dargestellt, es ist aber ein Kulturzentrum, ein Museum“ (12.06.2024). Das wissen Sie schon auch deswegen, weil Sie die vielen Protestbriefe gegen die Kündigung wirklich lesen. […]

Zu Reinhard Zabkas 75. Geburtstag heute erinnere ich Sie an Ihre abschließenden Worte zur Kunstpreisverleihung 2016 der Großen Kreisstadt Radebeul an ihn:

„Erweisen wir ihm die Ehre, sagen wir Danke für seinen unverwechselbaren Beitrag für die Entwicklung unserer Stadt, unserer Region.“ Davon haben Sie auch persönlich profitiert:

Vor fast genau einem Jahr wurden Sie nach Ihrem schönsten Tag in Ihrer langen Amtszeit als OB gefragt. Sie nannten neben Ihren eigenen Wahlerfolgen den immer sehr bewegenden Moment, wenn Sie den Preisträger bei der Abschlussveranstaltung des Herbst- und Weinfestes zum „Feurigen Finale“ bekanntgeben. Alle Jahre wieder standen Sie vor Tausenden Schaulustigen auf der Elbwiese bei Kötzschenbroda. Im Wettstreit mit Meißen um Besucherzahlen hatte Radebeul auf Kultur gesetzt mit Labyrinthen schon vor der Jahrtausendwende. Vor dieser Kulisse waren Wandertheaterpreisträgeransprachen für Sie effizienter als mancher Wahlkampfauftritt.

Das gewaltige Feurige Finale hat Ihren Aufstieg von Legislatur zu Legislatur begleitet – bis zum Präsidentenposten des Sächsischen Städte- und Gemeindetags. In geheimer Wahl mit einstimmigem Ergebnis – es hat sich gelohnt. Für Sie jedenfalls.

Auf der anderen Seite steht Reinhard Zabka. Seinem Museum wurde 2010 in Kyritz schon einmal fristlos von einem „Retter“ gekündigt. Die Stadt half mit einem Zwischenlager, und er konnte durch die Lande fahren, um unter den verschiedensten Angeboten den optimalen Ort für sein Museum zu finden.

2012 war die Gelegenheit für Sie, Herr Wendsche, den leerstehenden Gasthof anzubieten und mit der Option eines Erbbaupachtvertrags den Kreator des Grande Finale längerfristig an Radebeul zu binden. […]
Mit Ihrer angedrohten Räumungsklage fiel das Basislager für das Labyrinthaufbauteam weg. Die knappe Förderung reichte so nicht mehr für die Realisierung, und keine Probleme konnten sich in Rauch auflösen…

Da fällt mir doch glatt Udo Lindenberg ein, der mit seiner Zigarre auf der Lok vom Sonderzug nach Pankow sitzen soll. In der Unterführung des Bahnhofs von Kötschenbroda. 250.000 € sollte das kosten, finanziert zu 100 % aus dem ehemaligen Parteivermögen der DDR. Hat sich leider auf 470.000 € erhöht – wegen unvorhersehbarem anderem Baugrund…, muss jetzt aus der Stadtkasse kommen. Ja, der Sonderzug 1983 war irgendwie die Fahrkarte zum Friedenskonzert im Palast der Republik. Udos Brief an den „Oberindianer“ im Arbeiter- und Bauernstaat führte zu einem Deal: Er spielt ohne Gage im Palast, und später gibt es eine DDR-Tournee – schriftlich fixiert, aber nicht eingehalten. Und jetzt, Herr Wendsche, sind Sie der „Oberindianer“ in der Stadt der Millionäre und wollen vom Erbbauvertrag mit Zabka nichts mehr wissen. […]

Sie als Verwaltungsbeamter müssen sich an Recht und Ordnung halten – dafür gibt es dann später eine schöne Pension. Zabka als Künstler darf die Gesetze brechen; im Rahmen der Kunstfreiheit ist da so einiges möglich. Was später daraus wird, steht in den Sternen. Die Öffnung des Museums trotz Kündigung als Akt zivilen Ungehorsams unterstreicht die Lebendigkeit der Kultur Radebeuls.

Herr Wendsche, ich bitte Sie darum, Ihre Rolle nicht mit der von Zabka zu verwechseln.

Halten Sie sich an die Abmachung des Erbbauvertrags, agieren Sie nicht ohne Rückendeckung des Stadtrats, der Ihnen ansonsten früher oder später in den Rücken fallen könnte. Es gibt so viele Möglichkeiten, das Lügenmuseum als lebendigen Ort neben Karl May und Lindenberg Gedächtnistunnel zu etablieren. Helfen Sie, die Finanzierung der Übernahme des Gasthofs durch den „Kunst der Lüge e.V.“ oder eine aus ihm erwachsene Stiftung durch eine 100%-Finanzierung aus dem DDR-Parteivermögen zu realisieren!

Neben Ihrer „Neuen Kulturellen Mitte Radebeuls“ darf das Lügenmuseum nicht zerschlagen werden – trotz und vor allem wegen der aktuellen gesellschaftlichen Umbrüche.

Werden Sie wirklich „Der Sanierer, nicht nur der Finanzen“. Nehmen Sie sich Ihren Friedensgürtel der Irokesen von der Wand und gratulieren Sie Reinhard Zabka zum 75. Geburtstag.

Mit freundlichen Grüßen aus dem ehemaligen Heilbad Hohenbüssow

Olaf Spillner

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