Das Radebeuler Wanderkino „Film Club Mobil“ zeigt im Monat April den Spielfilm „Le Temps d`aimer“, welcher im puritanischen Frankreich der unmittelbaren Nachkriegszeit spielt. Verstörende Dokumentaraufnahmen aus dem Jahr 1947, die dem Filmdrama vorangestellt wurden, konfrontieren den Betrachter mit den widersprüchlichen Reaktionen der Franzosen. Wenngleich die überwältigende Freude über die Befreiung von den deutschen Besatzern dominiert, schwingen da auch Gefühle wie Hass, Niedertracht, Scham und Verzweiflung mit. Die französisch/belgische Koproduktion kam 2023 in die Kinos und spannt einen weiten Bogen von der Vergangenheit bis in die Gegenwart.
Obwohl der zweite Weltkrieg vor achtzig Jahren endete, stoßen wir noch heute in Radebeul auf Spuren aus dieser Zeit. Ein zweites Mal hat sich die Cineastengruppe als Veranstaltungsort den ehemaligen Luftschutzbunker Oberlößnitz ausgewählt, der gegen Ende des Zweiten Weltkrieges von russischen Kriegsgefangenen in den Weinberg getrieben wurde.
Französische Kriegsgefangene hingegen kamen in Radebeul bereits während des ersten Weltkrieges beim Bau des Wasserturmes (im Volksmund Franzosenturm genannt) zum Einsatz. Während des zweiten Weltkrieges hatte man sie für Rodungsarbeiten und das Aufsetzen von Trockenmauern im Weinbau eingesetzt. Zahlreiche Dokumente, Zeitzeugenberichte und Fotografien befinden sich hierüber im Radebeuler Stadtarchiv.
Zur Belebung des interkulturellen Dialoges zwischen Frankreich und Deutschland leistet das vielfältig vernetzte Institut français einen wesentlichen Beitrag. Die Anregung zur Kooperation mit der in Dresden ansässigen Zweigstelle ging von der französischen Künstlerin Sophie Cau aus, die seit 1997 in Radebeul lebt und freischaffend tätig ist. Sie knüpfte auch den Kontakt zu dem französischen Dokumentarfilmer Julien Deschamps, welcher in den Spielfilm „Le Temps d`aimer“ einführen wird.
Karin Baum und Michael Heuser
Sprecher der Cineastengruppe „Film Club Mobil“ im Radebeuler Kultur e. V.
Vive la France! Es lebe Frankreich!
„Le Temps d’aimer“ (Zeit für Liebe)
2023, Spielfilm, Frankreich/Belgien, 125 Minuten, FSK 16
Regie: Katell Quillévéré
Drehbuch: Katell Quillévéré und Gilles Taurand
Musik: Amine Bouhafa
Darsteller: Anaïs Demoustier, Vincent Lacoste, Morgan Bailey, Hélios Karyo, Josse Capet
Filmbeschreibung:
„Le Temps d’aimer“ erzählt die Geschichte von Madeleine, einer französischen Frau, die während des Zweiten Weltkriegs eine kurze Romanze mit einem deutschen Offizier hatte, bevor er an der Front verschwand. Aus dieser flüchtigen Liebe ging ein Sohn hervor, den sie allein und ohne familiäre Unterstützung aufzog, wobei sie ihr Geheimnis und die schreckliche Schande für sich behielt, die sie bei der Befreiung Frankreichs erleiden musste, als sie Opfer öffentlicher Demütigungen wurde, wie viele andere Frauen, die von der Volksjustiz beschuldigt wurden, mit dem Feind „herumgemacht“ zu haben. Der Film beginnt mit schwierigen Archivaufnahmen dieser Ereignisse, die Frankreich nicht zur Ehre gereichen und deren Grausamkeit und symbolische Gewalt lange Zeit unterschätzt wurde. Die Zeiten ändern sich glücklicherweise.
Die Last dieser ungerechten Schande wird Madeleine viele Jahre lang tragen und bezahlen, insbesondere in ihrer sehr komplizierten Beziehung zu ihrem Sohn. Ihre Liebesbegegnung mit François bietet die Gelegenheit, andere Dimensionen der schmerzhaften Geheimnisse anzusprechen, die der Mensch aufgrund der Intoleranz der damaligen Gesellschaften zu verbergen gezwungen war. Das Schicksal dieser leidenschaftlichen Protagonisten wird sich mit der gesamten Vorstellungswelt des Nachkriegslebens in Frankreich vermischen, das von der amerikanischen Populärkultur geprägt ist. Diese optimistischen Sittenwechsel werden jedoch nicht ohne einen kritischen Blick des Films auf die angebliche Sorglosigkeit und Gutmütigkeit der amerikanischen Retter gelassen.
Während dieser zwei Stunden lässt uns „Le Temps d’aimer“, der von Anaïs Demoustier und Vincent Lacoste grandios verkörpert wird, intensive und kontrastreiche emotionale Abenteuer erleben. Er zerlegt auf subtile Weise die Intimität eines Paares und einer Familie und projiziert gleichzeitig, ohne zu täuschen, die Symbole und das Schicksal der Geschichte in diese. Die Regisseurin Katell Quillévéré hat sich von ihrer Familiengeschichte inspirieren lassen und daraus ein tragisches, schönes und bewegendes Romanwerk geschaffen, das zutiefst humanistisch ist.
Julien Deschamps
fairfilms.de
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Am 10. April 2025, um 19 Uhr, im Alten Bunker Oberlößnitz, Hoflößnitzstraße 82, 01445 Radebeul, Reservierungen ab sofort unter 0160-1038663